Traumatische Intrikate

Mit dem Adjektiv intrikat werden komplexe und vielschichtig verworrene Sachverhalte benannt. Intrikate sind somit für sich gesehen bereits problematisch. Komplexe Probleme gelten als schwierige und häufig kaum lösbare Aufgaben. Eine Traumafolgestörung ist zweifelsohne problematisch. Eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) ist darüber hinaus intrikat und das vor alle, wenn sie als komplex (kPTBS) erachtet wird, das heißt mit verschiedenen psychosomatischen Störungen verknüpft ist.

Die Bezeichnung „traumatische Intrikate“ fand ich bei der Suche nach einem Begriff, der die besondere Belastung sowie die Situation Überlebender von Kindesmissbrauch in einer vielfach verstörenden und bedrückenden sozialen Umgebung umschreibt. Denn in einer solchen Umgebung dürften inzwischen die meisten von ihnen leben. Ich jedenfalls muss derzeit gut darauf achten, dass ich mir einen geschützten privaten Raum schaffe und bewahre.

Intrikat gelten komplizierte, vielschichtige, verworrene und vielfach vernetzte sowie schwer verständliche Umstände oder Situationen; womit das Eigenschaftswort, das zwischendurch als veraltet galt, heute wieder höchst aktuell wird; denn durch die sich per Internet und Smartphone verändernde Welt, werden zunehmend Sachverhalte sichtbar, die sich nur schwer vermitteln lassen und zugleich schwer verständlich und erfassbar sind. Allein der Blick auf die gesellschaftliche Wahrnehmung von Kindesmissbrauch, um beim Thema dieses Blogs zu bleiben, zeigt, wie etwas Intrikates intrikat rezipiert wird. Im Prinzip gleicht bei Betrachtung aller Umstände kein Fall von Kindesmissbrauch dem anderen; dementsprechend sind Lösungen und Therapien gleichermaßen vielfältig und nur in ihrer anwendbaren Methodik standardisiert.

Als komplex posttraumatisch erkrankter Überlebender von Missbrauchsverbrechen ist meine Wirklichkeit und Selbstwahrnehmung intrikat. Das Verbrechen an mir begann durch die Mutter als ich fünf Jahre alt war. Im evangelischen Waisenhaus „Spengelhof“ setzten sich Missbrauch und Misshandlung fort. Als ich mit zehn Jahren das Waisenhaus verließ, weil die alkoholkranken Eltern das gerade durch Adenauer eingeführte Kindergeld abgreifen wollten, verstärkte sich das Verbrechen an mir. Es gipfelte mit 15 und 16 Jahren mit der Vergewaltigung durch die Mutter und danach durch den Vater.

Doch damit war das Intrikat meiner erlittenen Missbrauchsgeschichte noch lange nicht beendet. Schwer traumatisiert wurde ich polytoxikoman, sprich ich konsumierte die nächsten fünfzehn Jahre Drogen und Rauschmittel aller Art. Es war ein Wunder, dass ich diese Zeit überlebt hatte. Ich existierte am Rande der Gesellschaft und mir widerfuhren kontinuierlich weitere Traumata. Es war ein endloser Disstress.

Meine Frau wuchs in einer nicht minder vom Wahnsinn durchdrungenen Umgebung voll Spießern und Tätern auf. Auch sie konnte sich an niemanden wenden, denn alle verrieten sie. Das gute Verhältnis zu den Tätern war diesen Schleimern wichtiger als der Schutz eines Kindes in erkennbarer Not. Ihre Situation entsprach gleichfalls einem traumatischen Intrikat: eine Konstellation extremer Deprivation bei gleichzeitigem Gaslighting, durch die sie chronisch traumatisiert wurde und ebenfalls eine kPTBS für den Rest ihres Leben davontrug und seit Jahrzehnten psychotherapeutisch behandelt wird.

Intrikate sind und bleiben komplex; sie lassen sich nicht vereinfachen, oder einfach gesagt: Intrikate sind und bleiben verworren; sie lassen sich nicht aufdröseln. Da gibt es keinen Faden der Erkenntnis, sondern allenfalls kurze Fädchen und beschränkte Areale, die sich deuten lassen. Doch insgesamt bleibt ein Intrikat ein düsteres Dräuen. Traumatischer Schmerz, Verlassenheit, Zerstörung, Verfall, Hoffnungslosigkeit und Hilflosigkeit prägen die Seele und das Lebensempfinden der Überlebenden nach Kindesmissbrauch und Kindesmisshandlung. Gleichwohl ist ein traumatisches Intrikat kein unverrückbarer Schlusstein eines posttraumatischen Verließ – so funktioniert eine PTBS nicht. Vielmehr bleibt es die Wahrnehmung einer desolaten, bedrückenden und vielfältig schmerzhaften Befindlichkeit.

Im Waisenhaus Spengelhof, in das ich mit fünf Jahren als Sozialwaise kam, beobachtete ich manchmal Stefan. Er war wie viele von uns sicher schwer traumatisiert. Stefan saß oft stundenlang da und versuchte ein Knäuel aus Bindfaden zu entwirren. Ich weiß nicht, ob es ihm je gelang, doch die Beschäftigung damit beruhigte ihn offensichtlich. Er fand hierdurch wohl seelischen Ausgleich. Stelle ich sein Verhalten in Beziehung zum Begriff des traumatischen Intrikats, so erfasste er zunächst das komplexe, total verworrene Gebilde in seiner Gesamtheit, um es dann allmählich soweit als möglich zu entwirren. Das wiederum entspräche dem allgemeinen psychotherapeutischen Ansatz. Freilich sollte man dabei die Floskel „soweit als möglich“ nicht überlesen; denn es lassen sich aus einem traumatischen Intrikat allenfalls nur Bruchstücke herauslesen. So wie es Stefan im Kinderheim tat. Er ging, nachdem er das Fadenknäuel nicht entwirren konnte dazu über, einzelne Partien mit einer Schere herauszuschneiden. Doch damit verfehlte er sein eigentliches Vorhaben und warf das Knäuel weg, um sich alsbald ein neues zu drehen und zu knoten.

An dieser Stelle beginnt auch der Vergleich zur Psychotherapie zu hinken. Lässt sich eine seelische Störung nicht entwirren, kann man weder die Seele partieweise zerschnipseln, noch den Patienten „entsorgen“ und wieder neu verheddern.



Kindesmissbrauch wird zu einem intrikaten Seelenknoten

Eine Lösung für ein seelisches Intrikat zu suchen, bleibt vergebliche Liebesmüh. Es ist ein Komplex multipler Verletzungen, die sich psychosomatisch ausformen und sich zwar in ihren einzelnen Ausformungen behandeln lassen, allerdings nicht in ihrer Gesamtheit. So erging es mir seit Beginn meiner PTBS, die sich seit 2008 körperlich, seelisch als auch geistig ausformte. Die Behandlung des körperlichen Komplex verteilte sich auf verschiedene Fachärzte; während sich die Behandlung des psychischen Komplexes auf rund 500 Stunden Psychotherapie verteilte, in denen diverse Belastungen nacheinander behandelt wurden. Am Anfang stand nach der notwendigen Stabilisierung die Traumakonfrontation, danach wurden Intrusionen, Phobien, Albträume und meine Depersonalisationsstörung behandelt; zum Teil erfolgreich, jedenfalls insgesamt lindernd. So wurden zum Beispiel meine Phobien zwar nicht gelöst, doch insgesamt in ihrem Ausmaß reduziert.

Ihre Dollpunkte waren in den 1950er Jahren mit Beginn meiner Entwicklung durch massive seelische und körperliche Verletzungen gelegt worden. Die Täter waren die Eltern von mir als auch sogenannte Tanten und Brüder im evangelischen Waisenhaus Spengelhof. Wobei ich festhalte, die Verletzungen durch Männer waren hart und direkt und somit eher erfassbar als die durch Frauen. Sie gingen subtiler und selten so hart vor wie Männer und waren somit schwieriger als diese als gefährlich zu erfassen.

Zweifellos ist eine PTBS ein intrikater Zustand fußend auf ebenso intrikaten wie multiplen Geschehen, die sich in sich immer mehr verwirren und verdichten; allerdings waren und sind sie nicht aus der Welt, sondern fest mit ihr verknüpft; das bedeutet kein Kindesmissbrauch, keine Vernachlässigung und keine Gewalt gegen Kinder steht für sich solitär, vielmehr sind diese Verbrechen vielfach in ein informelles als auch formelles Netzwerk eingebunden. Von der Gewalt gegen mich wussten mindestens zwei Dutzend weitere Personen. Das bedeutet wiederum Kindesmissbrauch ist immer ein gesamtgesellschaftliches Problem. In dem Vorort in dem ich ab zwölf Jahren weiter aufwuchs gab es eine Familie, deren Vater seine minderjährig Tochter geschwängert hatte. Dafür kam er ins Gefängnis. Die Tochter lebte durch die „Schande“ stigmatisiert zurückgezogen weiter in dem Dorf. Wir Kinder flüsterten über sie – wohl ebenso wie die Erwachsenen. Was mich dabei erschreckte war, dass anscheinend weit zuvor schon das halbe Dorf darüber gemunkelt hatte, dass der Vater seine Tochter missbrauchte. Damals anfangs der 60er Jahre gab es noch keine Hilfen für Missbrauchsopfer, dafür aber genügend Schandmäuler, die sich über das Verbrechen entrüsteten und im Vorfeld der Aufdeckung ausgiebig darüber unkten. Wie selbstverständlich gab man auch dem Missbrauchsopfer eine Mitschuld.


Aufdeckung und Aufarbeitung entwickelten sich zum intrikaten Filz

Nachdem es Mitte der 80er Jahre erste Kritik an der vermeintlich liberalen Lebenshaltung der 68er gab, kam es auch zu ersten Berichten über Missbrauchsfälle. Damals etablierte sich als eine Ausformung der 68er die „Alternative Szene“, ein Milieu aus dem später die Grünen hervorgingen. Damals waren zum Beispiel Mitglieder der offen pädophil eingestellten Indianerkommune noch willkommene Gäste auf Parteitagen der Grünen (Alternativen Liste). Einerseits verfestigte sich in der Szene der Gedanke vom „schadlosen“ sexuellen Umgang mit Kindern. Er wird auch heute noch im queeren und linksliberalen Milieu gepflegt, indem man Kindern eine sexuelle Identität mit dementsprechenden Bedürfnissen zuspricht. Andererseits begannen damals auch im Zuge der Frauenbewegung die überlebenden Opfer von institutionellen Kindesmissbrauch – leider ausschließlich Frauen – das Mokita zu brechen und über ihren erlitten Missbrauch in den Familien und Institutionen zu sprechen.

Um die Jahrhundertwende wurden die Missbrauchsfälle in klerikalen, staatlichen und privaten Institutionen und Internaten bundesweit bekannt bekannt. Ihren Ausgang nahmen sie mit ersten Berichten über den organisierten Kindesmissbrauch in der Odenwaldschule, wobei ein erster ganzseitiger Bericht über die Verbrechen in der Frankfurter Rundschau vom November 1999 von der Öffentlichkeit unbeachtet blieb. Es brauchte nochmal 10 Jahre bis der Skandal im Rahmen der Aufdeckung der Missbrauchsfälle am Canisius-Kolleg 2010 wieder aufs Tapet kam (siehe Link). Ja, man könnte an Verschwörungstheorien glauben, wenn man das intrikate Geflecht von Kindesmissbrauch, Vertuschung und Abwehr der Opfer betrachtet. Gewiss gibt es in diesem ganzen Komplex auch Verschwörungen. Im wesentlichen sind sie gegen die Opfer dieser Verbrechen gerichtet, nur selten dienen sie der Planung und Durchführung von Missbrauch. Die Abwehr von Ansprüchen der Opfer fußen freilich auch auf keinen Verschwörungen, als vielmehr auf einem ebenso intrikaten Klüngel der Institutionen, in denen Kindesmissbrauch über lange Zeit geschah und in denen man zwecks Imagepflege solche Verbrechen vertuschte und leugnete. Die Anschuldigungen der Opfer empfand man als Zumutung. Wobei es bis in die 70er Jahre hinein kaum ein Opfer wagte, das erlittene Missbrauchsverbrechen publik zu machen, respektive gegenüber einer Institution anzuzeigen.

In diesem Sinne mutet auch die „Aufarbeitung“ der Bundesregierung als ein weiterer Komplex dieser institutionellen Verstrickung zur Abwehr der Opfer und Schonung der Institutionen an. So wurde das Amt des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs geschaffen, das in seinem Selbstverständnis und Wirken auf Konsens und nicht auf Konfrontation mit den Institutionen in denen Kindesmissbrauch geschah und geschieht ausgerichtet ist. In der Folge sprach man miteinander, versuchte zu regeln, was nicht zu regeln war und wob somit das intrigante Geflecht aus persönlicher Beziehung, falscher Duldsamkeit und fehlendem Verfolgungswillen weiter. Die Kirchen konnten weiter ihre „Gerichtsbarkeit“ und „Entschädigungszahlungen“ nach eigenem Dünken pflegen. Für die lebenslang schwer traumatisierten Opfer der Missbrauchsverbrechen gab es für gewöhnlich 5.000 € bis maximal 20.000 € als Entschädigung. Ein Hohn und ein Zeichen institutioneller Verachtung für alle Missbrauchsopfer. Schließlich ist für die meisten Überlebenden eine gebrochene Erwerbsbiografie eine Folge des Missbrauchs; denn an PTBS erkrankte Personen sind kaum imstande Karriere zu machen.

Im letzten Absatz habe ich drei Begriffe in Anführungszeichen gesetzt: Aufarbeitung, Gerichtsbarkeit und Entschädigungszahlungen. Ich tat es in einem ironisch-sarkastischen Sinn; denn es ist unerträglich zu welch leeren Hülsen diese Worte geworden sind. Aufarbeitung ist zum Grab schauerlicher Erzählungen zu erlebten Missbrauch geworden. Zwischendurch wurden Schlussteine gesetzt, manchmal gar echte Steine oder Stelen, die inzwischen wie mittelalterliche Sühnesteine in irgendwelchen Nischen in den Städten stehen. Ebenso beliebt sind Podien, auf denen ein „nobis est culpa“ (Wir sind schuldig) zelebriert wird, wobei weniger über die eigene Schuld, das eigene Verbrechen gesprochen wird, als über die „Verantwortung“, die man ernst nimmt und bereit ist, zu übernehmen und zu tragen. Dazu gehören, um dem Prozedere einen tiefgründigen Rahmen zu geben, zwingend einige Überlebende als Staffage, die mit den „unbefleckten“ Vertretern der Täter ein Gespräch führen. Jedenfalls kann man keinem Täterstellvertreter eine Bühne geben, während man den Opfern nur ein Mitleids-Mimikry signalisiert. Schließlich ist man in einer solchen Runde immer auch ein „Betroffener“. Hier ein Link zur Transkription eines solchen Podiums, das von der UKASK veranstaltet wurde.


Intrikate neigen auch dazu zu verfilzen. So geschah und geschieht es mit der Kumpanei der anscheinend Betroffenen, die sich von den wirklich Betroffenen, den Opfern von Kindesmissbrauch dadurch abheben, dass sie deren Betroffenheit für sich vereinnahmen, um in deren Namen zu sprechen und zu verhandeln, welche Stele und welcher Firlefanz zum Erinnerungskult ihrer institutionellen Verbrechen taugt, den sie namens eigener Verkommenheit für denkwürdig halten. Aufarbeitung ist zum selbstgefälligen Kult einer intrikaten Clique von „Missbrauchsfunktionären“ geworden. Die Opfer sexuellen Kindesmissbrauchs standen nur einmal wirklich im Mittelpunkt und zwar dann, als sie von Priestern, Erziehern, Trainern oder ihren Eltern vergewaltigt wurden, danach waren sie nur lästige Erinnerungen, denen man weiterhin ein recht prekäres Leben wünschte, damit sie niemals keck würden und Ansprüche stellen könnten. So stehen sie auch heute im Hintergrund, auch wenn sie scheinbar, Schwerpunkt der Arbeit von Kinderschutz und Aufklärung sind. So zum Beispiel beim 6. öffentlichen Hearing „Sexueller Kindesmissbrauch in der Heimerziehung“ der UKASK, als deren neue Vorsitzende Prof. Dr. Julia Gebrande zum Ende ihrer Begrüßung allen Teilnehmern „einen anregenden und interessanten Tag“ wünschte (siehe Link).


Ja, solange die Betrachtung von Kindesmissbrauch solche Wünsche erlaubt, hat man es in der Tat mit einem Intrikat zu tun, an dessen Oberfläche man bislang nur kratzte. Ja, es ist in der Tat so! So gibt es zum Beispiel zum Evangelischen Waisenhaus Spengelhof, in dem ich fünf Jahre meiner Kindheit als Sozialwaise verbrachte keinerlei Aufdeckung, obgleich ich dort selbst wie hunderte anderer Kinder Opfer und Zeuge von sexuellem Missbrauch geworden bin. Zur eigenen „Sicherheit“ hat der Evangelische Waisenhausverein e.V. bis auf die „Karteikarten der Ehemaligen“ alle Unterlagen vernichtet. Über den Umgang mit noch lebenden Zöglingen des Vereins hatte ich zuletzt in diesem Blog berichtet (Link).


Intrikate sind wegen ihrer Komplexität selten Gegenstand genauerer Betrachtung. Sie können es ja auch an diesem Blockeintrag erkennen, der sich nach wenigen Sätzen zu verästeln beginnt. Ich könnte den Faden leichthin zu einem dicken Buch oder komplexen Gewebe spinnen, so hatte ich mir noch etliche Stichwörter notiert, die ich aber, um mich nicht in Weitläufigkeit zu verlieren, nicht mehr aufgreife. Intrikate zum Kindesmissbrauch sollte man deswegen auch besser nur oberflächlich betrachten, als die Fratze umfassender und tiefgreifender Verbrechen, deren Anblick auch noch nach Jahren, sobald man sich zu sehr auf sie einlässt und sie zu intensiv betrachtet, ein komplexes Posttrauma auszulösen vermag. Ich hatte selbst zu tief in diese Fratze geblickt und stürzte aus den Traumafolgestörungen, mit denen ich mich über drei Jahrzehnte arrangiert hatte, in eine komplexe PTBS, die seit 14 Jahren Gegenstand von Traumatherapien war. Die letzte ging in diesem Herbst zu Ende; seitdem gehe ich noch einmal monatlich zur Nachsorge.